Timeline – wie uns Facebook gläserner machen will

Sie ist neu, sie ist chic und sie kommt bald: die Facebook Timeline.

Was ist die Timeline?

Die Facebook Timeline ist der aufgemotzte große Bruder der Pinnwand und sieht zumindest erstmal deutlich stylischer aus als diese. Hinter dem Link „Über mich“ findet man das, was man zurzeit bei einem Nutzer unter „Info“ findet – allerdings ebenfalls grafisch aufgepäppelt. Die Timeline soll aber mehr sein als nur ein neues Design der alten Pinnwand; sie soll das Leben des Nutzers darstellen – das gesamte Leben.

Wer die neue Timeline selber ausprobieren möchte, muss durch ein paar Reifen springen, die bei Techcrunch Schritt für Schritt erklärt werden (Update: geht jetzt auch einfacher; siehe unten). Anschließend sieht man bei sich und allen anderen, welche diese Betaversion aktiviert haben, statt einer Pinnwand die Timeline; genauso ist die eigene Timeline dann für diesen kleinen Kreis sichtbar (die Sichtbarkeitseinschränkungen [z.B. nur für Freunde] sind weiter aktiv). Für normale Facebook-Nutzer ist weiterhin nur die Pinnwand-Darstellung sichtbar.

Keine Verjährung

Die Timeline geht – im Gegensatz zur Pinnwand, die nur ein paar Hundert einträge zurückreicht – bis zur Geburt zurück. Selbst lang vergessene Einträge können so wieder auftauchen. Die Zeitskala an der rechten Seite erlaubt Zeitreisen durch die Timeline ohne sich den Finger am Mausrad wund zu scheuern. Problematisch ist dies vor allem, wenn man zwischenzeitlich seine Gewohnheiten umgestellt hat. Beispielsweise könnte man inzwischen Kollegen als Freunde angenommen haben, was man ursprünglich nicht vor hatte. Mit der Timeline können diese dann in Zukunft auch sehen, was man geschrieben hat, als man sich noch keine Gedanken darüber gemacht hat, wer im Büro mitliest. Zwar hat Facebook eine neue Funktion, welche die Sichtbarkeit älterer Einträge einschränkt, aber die stellt nur „Öffentlich“ auf „Freunde“ um – mehr geht nicht. Zu finden ist diese Funktion unter „Privatsphäre-Einstellungen“ → „Beschränke das Publikum für ältere Beiträge“. Will man restriktiver vorgehen, bleibt einem nicht anderes übrig als alle Facebook-Einträge, die man jemals generiert hat, einzeln per Hand zu editieren. Deutlicher kann Facebook eigentlich nicht sagen „eure Daten gehören jetzt erstmal uns“.

Einzige Gegenmaßnahme: ganz genau überlegen, wen man als Facebookfreund akzeptiert, und ggf. Leute, die man als Facebookfreund nur duldet, aus der Freundesliste kicken.

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Aber es geht nicht nur darum, ein Portrait unsterblicher Nutzerdaten im neuen Design zu erzeugen; Facebook will mehr. Facebook will, dass wir alles brav in Kategorien einsortieren: ehrenamtliche Tätigkeiten, Haustiere, Todesfälle, neue Mitverträge und jetzt kommt’s: Essgewohnheiten, Gewichtsveränderungen, Knochenbrüche, Operationen, diagnostizierte Krankheiten, etc.

Diese Einsortierung von Statusmeldungen in so genannte „Lebensereignisse“ ist natürlich freiwillig und jeder kann es unterlassen, bei solch einer Selbstvergläserung mitzuwirken – noch. Anfangs waren Freundesgruppen auch ein optionales Feature; jetzt erstellen vollautomatische Algorithmen Freundesgruppen und sortieren Familienmitglieder, Arbeitskollegen und Schulfreunde automatisch ein. Mit steigender Rechenkapazität und verbesserten Algorithmen kann es in Zukunft leicht passieren, dass ein „Gute Besserung“ eines Freundes genauso automatisch in ein Lebensereignis überführt wird wie ein eigenes „Ja. Wir haben die neue Wohnung“. Der Trick ist es, die Nutzer langsam an die neuen Features zu gewöhnen und niemals eine bestimmte Empörungsschwelle zu überschreiten.

Warum das Ganze?

Die Timeline hat wohl zwei Hauptgründe: Zum einen geht es darum Konkurrenzprodukte zu kopieren, damit keine Abwanderung stattfindet. Google+ brachte die neuen Gruppenfeatures zu Facebook und ich schätze, dass Tumblr (wird gerade sehr populär in den USA) zumindest inspirierend auf die Entwicklung der Timeline eingewirkt hat. Die neuen Abos erinnern zudem stark an Twitter. Zum anderen geht es um’s Geld. Facebook verdient zwar viel Geld, aber pro Benutzer stinkt es gegen Google regelrecht ab. Wenn man aber in 5 Jahren seinen Werbekunden sagen kann, dass die Werbung für ihr Schmerzmedikament gezielt Personen, die kürzlich eine OP überstanden haben, und deren Angehörigen gezeigt wird, ist das genauso verkaufsfördernd wie Autowerbung für frische Führerscheinbesitzer und Hausratsversicherungswerbung für Umziehende.

Ganz paranoid könnte man noch darauf hinweisen, dass theoretisch auch Personalprofile an Firmen verkauft werden könnten, bei denen man sich bewirbt; die Facebook-Datenschutzrichtlinien (die wir alle akzeptiert haben) würden das erlauben. Allerdings halte ich das für extrem unwahrscheinlich: so ein Skandal könnte Facebooks Existenz gefährden und dieses Risiko geht dort niemand ein. Zudem stellen Arbeitsrecht und Datenschutz hier wohl unüberwindbare Hindernisse in den Weg.

Fazit

Facebook ist eine Firma und diese Firma muss Geld verdienen. Wir sind das Produkt und nicht die Kunden; die nötige Medienkompetenz vorausgesetzt ist dabei erstmal alles im grünen Bereich. Trotzdem muss man sich ständig vor Augen halten, wem man hier seine Daten anvertraut und dass sich Regeln ständig ändern können.

Update

Unter https://www.facebook.com/about/timeline kann man ab sofort die Timeline aktivieren ohne durch irgendwelche Reifen springen zu müssen. Aber Achtung: einmal aktiviert bleibt die Timeline! Anschließend hat man bis zu 7 Tage Zeit, die eigene Timeline anzupassen; in dieser Zeit ist sie für andere noch nicht sichtbar.

Update 2

Unter obiger Adresse kann man auch sehen, welche Freunde die Timeline bereits aktiviert haben.

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